Produktionen

Was passiert, wenn der Mensch sich zum Schöpfer seiner selbst aufwirft? Wenn sich seine Maschinen oder geklonte Wesen als unkontrollierbar erweisen? Eine Schreckensvision lieferte Mary Shelley mit der berühmten Schöpfung des Monsters durch Frankenstein. Mit titanischen Kräften ausgestattet, fordert der missratene Homunkulus seinen Erschaffer zur Rechenschaft.
Sänger und Sängerinnen der Hochschule für Musik und Tanz Köln spielen und singen eine von Andreas Durban dramatisierte, musikalische Fassung des Romans "Frankenstein" von Mary Shelley.
Der Komponist Henrik Albrecht, der zahlreiche Hörspielkompositionen für den SWR/NDR schrieb, unter anderem für die Hörspielfassung von "Baudolino" von Umberto Eco, setzt den Roman musikalisch in Szene.
Das Werk Frankenstein "Kammeroper für 5 Sänger", verknüpft die Rezeptionsästhetik des Frankenstein Stoffes im Stummfilm mit den Emotionen der Oper. Das Ergebnis ist ein Musiktheater, das den jungen Sängern breiten Raum für ihr individuelles Talent lässt.
| Viktor Frankenstein | Robert Fendl (Bariton) | |
| Dämon | Christine Léa Meier (Sopran) | |
| Elisabeth | Elisabeth Menke (Sopran) | |
| Ratsherrin Frankenstein | Daniela Jungblut (Mezzosopran) | |
| Justine/Cherval | Elisabeth von Stritzky (Sopran) |
Romanadaption/Regie - Andreas Durban
Komposition - Henrik Albrecht
Musikalische Leitung/Klavier - Georg Leisse
Bühnenbild/Kostüme - Jana Denhoven
Beleuchtung - Thomas Vervoorts
Fotos: Horst Schmeck
Kommentar zum Stück vom Komponisten Henrik Albrecht
Als mir Andreas Durban von seinem Vorhaben erzählte Frankenstein für ein Musiktheaterprojekt zu bearbeiten war ich direkt Feuer und Flamme. Kompositions- und Probenzeit waren sehr knapp bemessen. Gerade hatten die Straßenfeger die letzten Konfetti und Kamelle von den Straßen gefegt, als wir uns das erste mal zusammensetzten und uns gemeinsam über die Einzelteile der Vorlage beugten. Behutsam hatte Andreas Durban den Briefroman von Mary Shelley in ein dramatisiertes Libretto verwandelt. Nach diesen ersten Untersuchungen wurden noch ein paar zusätzliche Gliedmaßen in Form von Arientexten eingefügt. Dann konnte ich die Feder spitzen.
Meine erste Assoziation zu dem Stoff "Frankenstein" war das wilde Klaviertremolo eines Stummfilmpianisten und eine zerkratze, schwarz-weiß Filmsequenz, die aus einer anderen Zeit an unser Auge dringt. Frankensteins Monster als Versinnbildlichung der menschlichen Hybris stakst durch den Raum. Dieses Bild ist mittlerweile fast zu einem Archetypus geworden und hat sich in zahlreichen Dramatisierungen manifestiert. Durch den Erfolg im seichteren Terrain etablierte sich Victor Frankenstein als Urvater des Crazy Scientist. Der B-Movie und der Groschenroman übernahmen langsam die Vorherrschaft über das Sujet. Doch wendet man sich der Vorlage näher zu, so gefriert das Schmunzeln über den verrückten Forscher in seinem Labor. Die ethischen Grundfragen, die der Roman stellt, treten in den Vordergrund. 1818 erschienen, stellt er sich dem heutigen Leser als brandaktuell dar, angesichts einer Wissenschaft, die täglich neu ihre eigenen Grenzen definieren muss. Doch auch dem Pädagogen stockt der Atem, was geschieht mit einem Geschöpf, dem nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit und Liebe zukommt.
Bei der Vertonung des Romans beschloss ich mich, eine rückbezogene Tonsprache zu verwenden. Der heutzutage nahe liegende Gebrauch avantgardistischer Kompositionstechniken erschien mir, angesichts des Stoffes, als nicht angemessen und wenig originell, da seine Aktualität keiner stilistischer Unterstreichung bedarf. Der Stummfilmpianist kam mir wieder in den Sinn, der quasi improvisativ, die Handlung mit Musik aus seinem musikalischen Unterbewusstsein begleitet. Das Melodram, als die herrschende Kunstform im kunstbegeisterten Salon der Romantik hielt ebenso Einzug in die Komposition, wie das Kunstlied. So hoffe ich, dass sich aus dem unbekümmerten Umgang mit den Kunstformen des 19. Jahrhunderts eine Überzeitlichkeit ergibt, die den Biedermeier ebenso, wie den Expressionismus des Stummfilms, vor unser geistiges Auge treten lassen. Die einzelnen Teile beginnen sich zu regen, die Staubkörner tanzen im Lichtkegel, der Pianist greift in die Tasten -
Lassen Sie uns also gemeinsam den ersten Herzschlägen des Geschöpfes lauschen und bringen wir ihm die Liebe entgegen, die es braucht um in unserer Welt zu überleben.

