Presse

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß


Kölnische Rundschau, Samstag , 19. Mai

Schattierung der Gewalt
Musils „Zögling Törleß“ im Freien Werkstatt Theater

Von Barbro Schuchardt

Gewalt in der Schule- ein Thema von aktueller Brisanz. Immer wieder liest und hört man von Jugendlichen, die einander bekriegen wegen kultureller Unterschiede oder aus purem Sadismus gegenüber einem Schwächeren. Robert Musil (1880-1942) schildert diese Qualen eindrücklich in seinem Pubertätsroman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (1906), den Volker Schlöndorff 1965 so eindrucksvoll mit dem erst 16 Jahre alten Mathieu Carrière in der Titelrolle verfilmte.

Im Freien Werkstatt Theater (FWT) ist jetzt eine neue ästhetische Variante des Werkes zu besichtigen: Henrik Albrecht (Komposition) und Andreas Durban (Textfassung und Regie) schufen mit Studierenden der Kölner Hochschule für Musik und Tanz Köln eine Literaturoper, die im Rahmen des Sommerblut-Festivals ihre Uraufführung erlebte. Kein leichtes Unterfangen, gilt es doch, mit den Mitteln des Musiktheaters jene klaustrophische Beklemmung zu erzeugen, die die literarische Vorlage auszeichnet. Und siehe da, es gelingt vorzüglich.

Was zunächst eine gewisse Künstlichkeit und Manieriertheit befürchten lässt, gewinnt zusehends an Spannung und Dynamik – vor allem dank den vier überzeugenden jungen Interpreten. Sowohl gesanglich wie deklamatorisch herausragend ist Lorenz Rommelspacher als Törleß, dieser Jugendliche, der angesichts der perfiden Quälereien seiner Mitschüler zwischen Abscheu und Faszination hin-und hergerissen wird.

Sadistische Rituale

Sie haben ihren Kameraden Basini (zart und verletzlich Anna Herbst) bei einem Diebstahl erwischt, doch anstatt ihn bei der Schulleitung anzuzeigen, üben sie Selbstjuztiz. „Wir müssen Basini moralisch zerschneiden!“ fordert der Wortführer Beineberg (Alexander Schmitt). Mit Törless und Reiting (Katharina Penner) steigert er sich immer mehr in sadistische Demütigungs-Rituale hinein: Basini muss „Ich bin ein Dieb" skandieren, wird wie ein Hund an der Leine geführt, soll wie ein Schwein grunzen, wird schließlich fast totgeschlagen. In weiteren Rollen als „Erwachsene“ profilieren sich Alexandra Benz und Carole Schmitt.

Die Musik unter der Leitung von Georg Leisse am Piano fängt die Schattierungen der Gewalt geschickt ein und verwebt sie bruchlos mit den Textpassagen. Wem die weitschweifigen, autobiographisch gefärbten Monologe des Törleß noch aus der Schullektüre in Erinnerung sind, der kann Musils Werk in dieser Fassung aus einem sehr interessanten neuen Blickwinkel betrachten.

 

Auf der Website von "opernnetz" ist eine lange und sehr positive Kritik erschienen.
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Auf der Website von "campus" ist ebenfalls eine sehr positive Kritik erschienen.
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